Mit Halbbildung gegen Rechts

Was ist eigentlich mit den viel besprochenen Werte-Fibeln für Geflüchtete passiert? Und was offenbaren diese über die Fehler in der österreichischen Politik? Eine bildungswissenschaftliche und pädagogische Analyse.

Es beginnt mit einem Klischee: Freiheit. In den Bergen. Beim Schifahren, natürlich. Das ist das erste Prinzip der Rot-Weiß-Rot-Fibel für Geflüchtete.
Sebastian Kurz, die Hoffnung innerhalb der ÖVP, hat in seiner damaligen Funktion diesen Text zum „Zusammenleben in Österreich“ in Auftrag gegeben. In dünnen 36 Seiten zeigt er wie er sich dies vorstellt und legt die „österreichischen Werte“ fest. Wie solche und ähnliche Darstellungen Menschen, die gerade vor Bomben und Maschinengewehren geflohen sind, helfen soll sich zu integrieren, bleibt unklar.

Die Zielgruppe der RWR-Fibel ist, wie man an dem Beispiel sieht, nicht die Geflüchteten aus Syrien die Schutz suchen, sondern vielmehr das traditionelle österreichische Klientel. Der*die Mehrheitsösterreicher*in soll in ihrem Glauben und ihrem Meinen bestätigt werden. Schifahren ist Freiheit. Hochwasserschutz ist Zusammenhalt in der Republik. Polizei ist Konfliktkultur. Bildungswissenschaftlich gesehen heißt diese festgesetzte Normierung nur eines: Gosch’n halten, Hände falten. Die in der Fibel simplizitisch aufgelisteten Prinzipien und Werte wie Rechtsstaat, Demokratie und Föderalismus und deren Beispiele lassen dem Lernenden keine Reflexionsmöglichkeit. Überspitzt formuliert ist die RWR-Fibel ein Faktenpapier inklusive Indoktrinierungsinstrument von SPÖVP sowie ein Bestätigungspapier für unreflektierte Mehrheitsösterreicher*innen.

Rechte Arbeit der “Volksparteien”

Dasselbe gilt für den viel gelobten „50 Punkte-Plan zur Integration für Asylsuchende und subsidiär Schutzberechtigte“. Hier werden Maßnahmen definiert, wer wie etwas zu tun hat um als Asylsuchende*r die Möglichkeit zu haben sich in der Schifahrnation zu integrieren, um den Werten der gewählten Politiker*innen zu entsprechen. Vorgegebene Normen werden unter dem Deckmantel der „Kultur“ ausgewiesen und geben nur nach deren Unterwerfung Zukunftsperspektiven. Diese gesellschaftlichen Normen sind nicht zu gestalten oder gar zu hinterfragen, sondern zum Auswendiglernen. Integration sieht anders aus.
Wenn „bürgerliche“ Politik der Volksparteien Normen festlegt, auf ernstzunehmende und reflektierende Diskussionen verzichtet und nur mehr „ihr Klientel“ bedient, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Rechten Stimmen lukrieren und Integration nicht mehr als ein Lippenbekenntnis ist.

Kritik, nein Danke! Ich hab die Lösung!

Ein Fehler, der sich übrigens durch das gesamte österreichische politische Spektrum zieht und nicht nur in der Integrationspolitik angesiedelt ist: Kritik wird im Keim erstickt, Kritiker*innen still gehalten oder als realitätsfern zurechtgewiesen, Nachdenken und Nachfragen ist unerwünscht. Dabei sind gerade die Wertediskussion eine Chance, zu reflektieren und zu lernen. Werner Faymann etwa, hätte sich als reflektierter Bundeskanzler auch jenen widmen können, die ihm nicht ständig auf die Schulter klopfen und vorgaukeln, dass alles gut sei.
Das Ergebnis solcher Praxis kennen wir spätestens seit dem ersten Durchgang zur Wahl des*der Bundespräsident*in. Die Politik, die FPÖ rechts überholen zu müssen um tendenziell rechte Wähler*innen zu bestärken und anzusprechen, muss hier nur vollständigkeitshalber erwähnt werden.

Halbbildung als möglicher Schlüssel zu einer modernen und progressiven Gesellschaft

Wähler*innen wollen nicht nur in Ihrer Meinung bestätigt werden oder immer das zu hören bekommen, was Eliten glauben dass sie meinen, sondern wollen erkennen, dass sich Politiker*innen Gedanken über Probleme machen, diese authentisch argumentieren und erkennen, dass auch sie irren können. Bildungswissenschaftlich gesehen ist es nämlich so: Wir hanteln uns von einem Nicht-Wissen zum Nächsten und erarbeiten uns laufend Teilantworten auf die Fragen des Lebens. Die politische Kompetenz liegt darin, diese Teilantworten nachvollziehbar zu argumentieren und erkennbar zu machen. Halbbildung im Sinne der ständigen Suche nach Antworten betrifft auch Faymann, Kurz und Co.

Nicht nur Migrant*innen und Asylsuchende* sollten das Recht haben, Gesellschaft zu hinterfragen und mitzugestalten anstatt Skigötter anbeten zu müssen. Es ist durchaus erwünscht, wenn auch Repräsentationsfiguren (Politiker*innen, Pädagog*innen, etc.) zeigen, dass sie etwas nicht wissen, dass sie lernen, dass sie fragen und verhandeln. Das schafft möglicherweise Bürger*innennähe, weil erkennbar wird, dass es keine letztgültige Antwort gibt. Die gibt es nämlich nur in Glaubensgemeinschaften. Aber in der Realpolitik sind wir nicht dazu da, um etwas zu glauben, sondern haben die Aufgabe ständig auf der Suche nach Antworten und Lösungen zu sein, diese zu reflektieren, neu zu bewerten und demnach zu handeln. Wenn wir es schaffen, Nicht-Wissen als etwas Positives anzuerkennen und durch Reflexion neues Wissen nachvollziehbar argumentieren lernen, können wir Ängste minimieren und haben die Chance gegen die rechte Angstrhetorik zu überleben.

P.S.: Dieser Text wurde in der Grundverfassung vor Werner Faymanns Rücktritt verfasst. Aufgrund innenpolitischer Turbulenzen konnte dieser Artikel verständlicherweise nicht mehr als Userkommentar veröffentlicht werden. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen den Kommentar hier zu veröffentlichen und erhoffe mir eine Diskussion und Denkanstöße.

P.P.S.: Mit dem neuen Bundeskanzler Kern wird zumindest rhetorisch versucht ein neues Denken zu etablieren. Es wird an uns liegen, dies kritisch zu beobachten und darauf zu achten, dass eine reflexive Politik ernsthaft umgesetzt wird.

P. P.P.S.: Mehr über die Werte (#shortywert) folgt bei Interesse in den nächsten Tagen/Wochen. Es ist absurd, es ist tatsächlich absurd!

Autor: bernhardlahner

Medienpädagoge und Sonderschullehrer Bildungswissenschaft an der Uni Wien Freier Radiomacher - Fokus Bildung

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